Die Grenzen des Journalismus

Das Ausmaß des vor uns liegenden Übergangs ist kaum zu überschätzen und wird zu Recht als große Menschheitsherausforderung bezeichnet“.

Das schrieb vor zehn Jahren der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) in seinem „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Dieser Übergang sei, so heißt es dort weiter,

„hinsichtlich der Eingriffstiefe vergleichbar mit den beiden fundamentalen Transformationen der Weltgeschichte: der Neolithischen Revolution, also der Erfindung und Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht, sowie der Industriellen Revolution, die den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft beschreibt. Anders als diese beiden historischen Übergänge muss die Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft innerhalb der planetarischen Leitplanken der Nachhaltigkeit und wesentlich schneller verlaufen. Sie ist zudem keineswegs ein Automatismus, sondern muss aus Einsicht, Umsicht und Voraussicht vorangetrieben werden, wenn sie in dem engen Zeitfenster gelingen soll, das zur Verfügung steht. Dies ist historisch einzigartig, denn die großen Transformationen der Vergangenheit waren Ergebnisse allmählichen evolutionären Wandels“. (S. 281)

Angesichts dieser Situation scheint mir der aktuelle gesellschaftliche Umgang mit der Klimakrise, gelinde gesagt, nicht angemessen. Damit auch nicht der des Journalismus dieser Gesellschaft. Will er in dieser „Großen Transformation“ eine angemessene Rolle spielen, sollte er einige seiner Grenzen überwinden bzw. neu setzen.

Selbstredend gibt es nicht den einen Journalismus. Ich meine hier vor allem den Mainstreamjournalismus, der durch die größeren Zeitungen, Zeitschriften, Onlinemedien und Sender abgebildet wird – gemeinhin auch Leitmedien genannt. Derjenigen Medien also, deren Perspektiven und Themen durch die hegemonial vorherrschenden Gesellschaftserzählungen bedingt werden, die diese Hegemonie gleichzeitig in einer Wechselbeziehung mit formen.

Ein neuer Maßstab

Die erste Grenze des Journalismus ist die seines Selbstverständnisses. Das kreist in parlamentarischen Demokratien um Begriffe wie Unabhängigkeit, Neutralität, Objektivität, Unparteilichkeit usw.. Diese Selbsterzählungen funktionieren nur durch die Setzung der eigenen hegemonialen Weltansichten als einzige Wahrheit (Demokratie gut, Marktwirtschaft gut usw.). In diesem Sinne sind die Auswirkungen der zentralen Wirkweisen des Wirtschafts- und Konsumsystem, das einen Eckpfeiler unserer Gesellschaft bildet, Tabu: Im Kapitalismus war über Jahrhunderte lang das Klima keine Größe und damit kam sein Umweltverbrauch als Kostenfaktor nicht vor. Die ihm innewohnenden Bereicherungsmechanismen, die zwangsläufig Ausbeutung und Ungleichheit hervorbringen, sind kein Thema. So bleibt auch Journalismus zum Klimawandel oft analytisch flach und wirkt hilflos. Weil er seinen blinden Fleck nicht erkennen kann, ihn aber doch immer umschiffen muss: Der menschengemachte Klimawandel geht ursächlich auf das rücksichtslose Wirtschaftssystem zugunsten des konsumorientierten Lebenswandels der Einwohner*innen der westlichen Industriestaaten zurück.

Doch greift nun, wie vom WGBU oben beschrieben, eine unverrückbare Determinante auf dem Spielfeld mehr und mehr Raum und spielt nach anderen Spielregeln: Dem Naturphänomen Klimawandel ist es reichlich egal, dass die dominanten Interessengruppen der Gesellschaften weiter steif und fest daran festhalten, ihre Wirtschafts- und Konsumweise sei – von einigen korrigierbaren Unzulänglichkeiten abgesehen – die einzig richtige. Diese Haltung wird sich angesichts der vorhersehbar globalen katastrophalen Folgen des Klimawandels immer schwerer aufrechterhalten lassen. Will Journalismus als Akteur seinem eigenen Anspruch gerecht werden – der gesamten Gesellschaft zu dienen – muss er endlich einen neuen Blickwinkel in sein Bezugssystem integrieren: Die Perspektive des Klimawandels wird fester Bestandteil nahezu aller journalistische Beschreibungen und Analysen gesellschaftlicher Vorgänge. Als ob er per „Augmented Reality“ seine Berichterstattung mit einem Informationslayer zu den vielfältigen Aspekten rund um Energie- und Umweltverbrauch aufbohrt.

Die Klimabrille

Würde mit solch einer Klimabrille der blinde Fleck des derzeitigen Mainstreamjournalismus ausgefüllt, kann er einen Beitrag für die „Große Transformation“ leisten. Denn die benötigt eine informierte Gesellschaft, die für ihren Diskurs und die Entscheidungen in der rapiden Entwicklung des Wandels so gut wie möglich Zusammenhänge verstehen muss. Eine Gesellschaft, die befähigt wird, zwischen den blockierenden Interessen einzelner Gruppen und dem Gemeinwohl zu differenzieren. Statt sich mit Verweisen auf „Aktivismus“ aus der Affäre zu ziehen, muss Journalismus den Standort seiner Neutralität neu verhandeln. Und die Erhaltung eines menschenverträglichen Klimas als übergreifendes Ziel auch seiner Arbeit verstehen.

Allerdings dürfte Journalismus dann an eine weitere Grenze stoßen: Die seines Geschäfts. Ein zügiger Wandel des journalistischen Bezugssystems, das verstärkt die ökonomischen Verschränkungen unserer Gesellschaft mit dem Klimawandel einbezieht, wird nicht daran vorbeikommen, die Profiteure des jetzigen Wirtschafts- und Finanzsystems zu benennen und Kritik auszusetzen. Und dazu gehören neben den Anzeigenkunden die Mainstreamjournalist*innen selbst sowie ihr eigenes Publikum: Die bürgerliche Mittelschicht und die wirtschaftlich Reichen. Der Abschied von der unbewussten Parteilichkeit für ein System, von dem nur eine Kaste übermäßig profitiert, würde voraussetzen, dass die Inhaber und das Publikum der Medien bereit wären, die fundamentale Infragestellung ihrer selbst zu befördern.

Es ist schwer vorstellbar, dass privatwirtschaftliche Verlage und Sender in den Händen von Konzernen und Familienunternehmen so etwas dulden würden. Sie dürften sich vielmehr in der kommenden Zeit in unterschiedlicher Ausprägung im Kapitalismusreformlager einsortieren. Und ihre Hoffnung auf die Zähmung des Klimawandels durch „Grünes Wachstum“ und „Solutionism“, also Techniklösungen, setzen. Eine Große Transformation, bei der sie selbst ihrer Privilegien entledigt werden, werden sie verhindern wollen.

Lokalglobaljournalismus

Die öffentlich-rechtlichen Sender dagegen können sich im Zuge eines gesellschaftlichen Wandels entsprechend reformieren. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass sie kurzfristig als seine journalistische Avantgarde fungieren werden. Diese Rolle dürften in den kommenden Jahren Publikationen übernehmen, die entweder in Nischen schon existieren oder noch entstehen werden. Denn die Klimabewegung dürfte gekommen sein, um zu bleiben. Sie wird weiter wachsen und in dem Prozess eigene journalistische Medien hervorbringen.

Diese journalistische „Avantgarde“ muss, will sie auf progressive Weise selbst den alten Mainstream ablösen und hegemonial werden, eine weitere Grenze überwinden: Die der Repräsentanz. Die Belange und Interessen von grob geschätzt der Hälfte der Gesellschaft hierzulande – das Prekariat, die Unterschicht, das einkommensschwache Milieu, die Subalterne oder wie auch immer – finden im Mainstreamjournalismus kaum statt. Ebenfalls sind dort Minderheiten unterrepräsentiert. Eine Große Transformation wird nur gelingen, wenn sie gesamtgesellschaftlich getragen wird. Journalismus, der anders als bisher nicht paternalistisch, sondern inklusiv operiert, kann dazu beitragen.

Schließlich gibt es die räumlichen Grenzen des Journalismus. Die Große Transformation gelingt nur international, wenn sie Planeten-weit koordiniert wird. Wenn Journalismus den Wandel kritisch-solidarisch begleiten und auch fördern will, werden die bestehenden Presseagenturstrukturen nicht ausreichen. Diese müssten zumindest um die Klimabrille erweitert werden. Doch die globalen Zusammenhänge des menschengemachten Klimawandels benötigen mehr: Netzwerke und internationale Strukturen. Die lokale Geschehnisse an völlig unterschiedlichen Orten miteinander in Verbindung setzen, als zusammengehörig darüber berichten. Dafür bräuchte es Konzepte von Globaljournalismus oder gar Lokalglobaljournalismus.

Beginn des Wandels

Der eingangs zitierte WGBU-Bericht hat 400 Seiten. Rund 75 Seiten widmen sich der „Gestaltung der Transformation“ inklusive „Hindernisse und Blockaden“. An letzteren hat sich in den zehn Jahren des Erscheinens wenig geändert. Der überfällig erste Schritt der Großen Transformation ist, dass die Gesellschaft sich darüber verständigt, ob sie diese angehen will. Diese Unterhaltung mitzuorganisieren, könnte der Beginn des Wandels des Journalismus sein. Und dann würde es gelten, zahllose offene Fragen offen zu klären. Denn wie einer globalen Herausforderung dieser Art in der Praxis zu begegnen ist, weiß noch niemand.

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